Die Entstehungsgeschichte der Rating-Agenturen



Der ursprüngliche Gedanke, Unternehmen zu raten - also zu bewerten bzw. einzuschätzen - stammt aus den Vereinigten Staaten von Amerika. Der landesweite Ausbau der Eisenbahn zu Beginn des 19. Jahrhunderts brachte einen hohen Finanzbedarf mit sich. Bankkredite reichten entweder nicht mehr aus oder die Banken wollten nicht in das unsichere Geschäft einsteigen. Investitionen waren hochriskant und endeten nicht selten mit einem Ruin. Aus diesem Grund erstellte Henry Varnum Poor im Jahr 1868 ein jährlich erscheinendes Eisenbahnhandbuch, "The Manual of the Railroads of the United States of America". Die kostenpflichtige Aufstellung aller Bahnbetreiber und deren Finanzkraft war der erste Schritt zu einem umfassenden Informationsdienst. Die Geschäftsidee stieß umgehend auf starke Nachfrage. Innerhalb weniger Monate wurden 2.500 Exemplare des Manuals verkauft. Im Jahr 1941 fusionierte Poor’s Statistic Bureau mit dem 1906 von Luther Lee Blake gegründeten Standard Statistic Bureau zu Standard & Poor‘s. Somit lässt sich behaupten, dass die Agentur S&P, die seit 1966 zum amerikanischen Medienkonzern McGraw-Hill gehört und im vergangenen Jahr auf S&P Global Inc. umfirmierte, die älteste Rating- Agentur der Welt ist.


Von AAA bis D

Das Rating im heutigen Sinn ist aber erst im Jahr 1909 mit der Gründung von Moody’s entstanden. John Moody stieg in das Kreditbewertungsgeschäft ein und erweiterte sein Angebot um Untersuchungen über die Finanz- und Ertragsstrukturen der Unternehmen. Ziel war es, dem Anleger eine ausführliche Bonitätsauskunft über den Schuldner oder dessen Finanzprodukte zu geben. Heute werden für die Analyse öffentlich zugängliche Daten aus der Bilanz (Gewinn, Eigenkapitalquote, Liquidität usw.) und unternehmensinterne Unterlagen zu Managementqualität, Organisationsstruktur oder Risikomanagement herangezogen. Auch Informationen zur Finanzplanung, den Ertrags- und Kostenstrukturen, zur aktuellen Wettbewerbssituation, zu den wichtigsten Kundenbeziehungen oder zu Lieferanten fließen mit ein. Das dadurch prognostizierte Ausfallsrisiko von Schuldpapieren kennzeichnete erstmals John Moody mit Buchstabencodes von AAA (höchste Kreditwürdigkeit) bis D Zahlungsausfall). Somit wurden die umfangreichen Analysen auf ein einziges Symbol komprimiert. Dies bezeichnet die im Börsenalltag verwendete längerfristige Einschätzung ("long term"). Daneben bestehen auch Rating-Codes für die kurzfristige Betrachtung der Unternehmen oder Staaten ("short term") und für einzelne Anleiheemissionen.
Als drittes der dominierenden Rating-Unternehmen wurde schließlich im Jahr 1913 die Fitch Publishing Company von John Knowles Fitch gegründet. Weitere Agenturen dieser Art entstanden, allerdings wurden viele davon von den Big Three aufgekauft oder sie blieben von untergeordneter Bedeutung.


Im Auftrag der Börsenaufsicht

Ihre einflussreiche Stellung erreichten die Rating- Agenturen nach dem New Yorker Börsencrash von 1929 und der darauffolgenden Weltwirtschaftskrise. Es gab Reformen und die erste Börsenaufsicht, die Securities and Exchange Commission (SEC), wurde ins Leben gerufen, um ähnlich katastrophalen Krisen in Zukunft vorzubeugen. Geldgeber sollten damit zwischen vergleichsweise sicheren (Investment Grade) und spekulativen (Speculative Grade) Investitionen unterscheiden können. Ab 1936 wurden die Rating- Agenturen von der staatlichen Börsenaufsicht mit der Bewertung der Sicherheit von Geldanlagen betraut. Fast 40 Jahre später, ab 1975, wurde verfügt, dass Unternehmen einer Begutachtung unterzogen werden müssen, bevor sie für den Kapitalmarkt zugelassen werden.


Je besser die Bonität, desto niedriger der Zinsaufwand

Damit veränderte sich auch die Finanzierung der Rating-Agenturen. Die Ratings werden mittlerweile nicht mehr vom Anleger bezahlt, sondern von den Emittenten der Wertpapiere. Nur wer ein Zertifikat seiner Schuldnerfähigkeit vorweisen kann, ist in der Lage, sich am Kapitalmarkt Geld zu besorgen, und je besser die Bonität beurteilt wird, desto niedriger ist der Zinsaufwand dafür. Diese Finanzierungsstruktur liefert natürlich Anlass zu Kritik - eine objektive Einschätzung ist nach Ansicht vieler Finanzexperten nicht zu erwarten. Auch Fehlinterpretationen der Schuldnerbonität schaffen immer wieder Angriffsflächen. Die Insolvenzen von Enron (2001), WorldCom (2002) und Parmalat (2003) wurden nicht vorhergesehen. Falsche Einschätzungen zu den US-Hypothekenkrediten waren der Ausgangspunkt der Finanzkrise ab 2007. Für Diskussionsstoff sorgt außerdem die Beherrschung des Marktes durch die drei großen US-Rating-Agenturen. Diese teilen sich den Markt zu 95 Prozent auf. Das damit entstandene Oligopol lässt die Kosten für die Erstellung eines Ratings diktieren. Zwar entwickelten sich auch weitere Bewertungsunternehmen, bestimmend bei der Erstellung der Schuldnerbonität sind aber nach wie vor die drei ältesten Rating-Agenturen der Welt.


Ein Artikel von Gertraud Dürnberger, Fondsmanagerin/Schoellerbank Invest AG

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